Piaggio Ciao – Dolce Vita auf zwei Rädern

Italien, von jeher ein Sehnsuchtsland vieler Europäer. Pizza und Pasta, auch ausserhalb des Stiefel-Staates nicht mehr aus den Kochbüchern wegzudenken. Italienische Weine, ein Hochgenuss. Italienische Autos, Leidenschaft auf Rädern. Italien steht für Urlaub, Dolce Vita und Amore. Und für Piaggio. Keine italienische Stadt, die nicht von Mofas, Mopeds oder Rollern der Marke geprägt ist. Ein ganz besonderes Exemplar ist das Modell Ciao, das fast 40 Jahre lang produziert wurde.

Piaggios Geschichte – Geschichte einer Legende

Das 1884 von Rinaldo Piaggio gegründete Unternehmen wird vor und während des zweiten Weltkriegs zu einem der Hauptlieferanten der italienischen Armee und bringt es auch dadurch zu einer ansehnlichen Grösse. Nach Ende des Krieges beschliessen die Alliierten, dass der Konzern künftig keine Rüstungsgüter mehr produzieren darf. Rinaldos Sohn Enrico, der mittlerweile die Firma leitet, erkennt, dass das Land jetzt dringend kleine und preiswerte Fahrzeuge benötigt. Und was würde sich besser eignen, als ein zweirädriges Gefährt, um schnell durch Schuttberge, Bombentrichter und Baustellen zu kommen?

Piaggio Ciao von Mike

1946 bringt der ehemalige Rüstungskonzern seine Vespa auf den Markt. Und die Wespe, wie Vespa auf Deutsch heisst, sticht! Sie wird schnell zum Lieblings-Insekt der Italiener. Und auch der europäischen Nachbarn. 1948 erweitert der Hersteller das Portfolio um ein weiteres schwarz-gelb gestreiftes Tierchen, die dreirädrige Ape, italienisch für Biene. Die Ape entpuppt sich als ein besonders fleissiges Bienchen, mit dem sich kleinere Lasten problemlos transportiert lassen.

Der Traum von Freiheit

Schnell wird das Unternehmen aus Pontedera zu dem Zweiradproduzenten schlechthin. Den Versuch, Autos zu bauen, gibt man allerdings nach dem eher bescheidenen Erfolg des Vespa 400 schnell wieder auf. Man richtet den Blick wieder auf die Kernkompetenz des Unternehmens: die Produktion qualitativ hochwertiger und schöner Töfflis.

Piaggio Ciao von Alex

1967 stellt Piaggio genau ein solches Töffli vor: Das Modell Piaggio Ciao. Das auf Anhieb zum besten Freund der Teenies avanciert. Kaum ein pubertierender Spross, der sich nicht die motorisierte Unabhängigkeit von den „Alten“ herbeisehnt.

Piaggio Ciao von Jan

Ein Töffli, das ist Freiheit. Ein Töffli ist Selbstständigkeit. Und ein Piaggio Ciao ist das 60er- und 70er-Jahre-Mass aller Mofa-Dinge. Kein Wunder, das Modell ist als Mofa und Moped zu bekommen. Und das in zahlreichen Varianten mit moderner Antriebstechnik und zeitlos schönem Design.

Zahlreichen unterschiedliche Serien

Man unterscheidet bei der Piaggio Ciao hauptsächlich fünf Baureihen. 1968 startet die Karriere des Italo-Töfflis mit der ersten Serie.

Erste Baureihe

Hier unterscheidet man zwischen der Version „A“ und der Version „L“. Typische Merkmale bei beiden Ausführungen sind die Rücklichter auf dem Schutzblech, Tankaufkleber mit Schriftzug „Ciao“ und eckige Sattelstützen. Die Unterschiede: Beim „A“ rollt das Töffli auf 19“-Felgen und das Vorderrad ist nicht gefedert. Das „L“-Mofa kommt mit 17“-Felgen daher, das Vorderrad ist mit gefederter Kurzschwinge und Schraubenfedern ausgestattet.

sattel-original-vierkant-piaggio-ciao-ab-jg-99

Beide Versionen gibt es auch in der Ausstattungs-Variante „Extra“, allerdings wird dieses Modell seltener geordert. Es hat ausser den modelltypischen Goodies noch einen Tacho, verchromte Schutzbleche und ist komplett gefedert. Das angebotene Moped ist identisch mit den Mofas „A“ und „L“, katapultiert seinen Fahrer aber auf immerhin 40 Stundenkilometer.

Zweite Generation

Ab 1975, man spricht hier von der zweiten Serie, präsentiert Italiens Zweirad-Platzhirsch die Ciao-Modelle SC und S. Beim Modell SC, das auf Gussrädern steht, ist das Rücklicht erneut am Schutzblech angebracht, diese sind beide aus nichtrostendem Material gefertigt. Ab dieser Serie sind Sattel und die runde Sattelstütze gefedert. Modell S hat eine eckige Sattelstütze, hier ist nur der Sattel gefedert.

ruecklichtglas-piaggio-ciao-sc-bravo-alte-mod

Auch hier, wie sollte es anders sein, befindet sich das Rücklicht auf dem hinteren der beiden lackierten Schutzblechen. Und wie schon bei der ersten Serie gibt es auch ab 1975 eine Moped-Variante, welche die gleichen Ausstattungen wie das Mofa bekommt, nämlich S und SC. Allerdings hat das bis zu 40 Stundenkilometer flotte Ciao Moped nun Blinker, die an kurzen „Ärmchen“ befestigt sind. Und zwar vorne am Lenker, hinten am Schutzblech.

Das dritte Folgemodell

Dem Sieben-Jahres-Rhythmus folgend erscheint 1982 die dritte Serie. Das Modellmuster ähnelt den beiden Vorläufer-Serien. Wieder gibt es zwei Mofa- und zwei Moped-Versionen. Das Px hat wieder eine runde Sattelstütze, auch hier sind Sattel und die Stütze gefedert.

ruecklicht-piaggio-ciao-px-schwarz-original

Allerdings ist hier das Rücklicht am abnehmbaren Gepäckträger montiert. Ebenfalls neu im Vergleich zu den Vorgängern: Die Mopedvariante erreicht nun 50 Stundenkilometer Spitze.

Vierte Serie und das vorerst letzte Modell

Dann reisst das Gesetz der Serie. Die vierte Generation des mittlerweile zum Kult-Töffli avancierten Ciao Mofas wird lediglich als „Mix“ feilgeboten. Die Sattelstütze ist rund und gefedert, genau wie der Sattel selbst. Auch das Rücklicht findet sich wieder am Gepäckträger. Allerdings ist dieser nicht mehr abnehmbar, muss er doch ab jetzt den Ölbehälter aufnehmen.

scheinwerfer-piaggio-ciao-mix-schwarz

Dies ist bedingt durch die Getrenntschmierung der „Mix“. Das letzte Modell und damit die fünfte Serie ist das c24. Im Grunde ist es hier beim Modell „Mix“ geblieben, ausser dass die Sattelstütze beim c24 eckig ist.

Auch die Italiener haben ihr(en) Laster…

…wenn auch nur ein kleines. Zweifelsohne, die Ästhetik der Ciao-Modelle spricht für sich. Aber lässt sich diese Ästhetik auch auf ein Lasten-Mofa übertragen? Wir finden schon. Man ist eben findig, in Pontedera. Also verpasst man in den 1980ern dem Top-Seller Piaggio Ciao ein zweites Vorderrad und setzt auf das Chassis entweder eine kleine Pritsche oder eine Box.

lenker-mit-vorbau-piaggio-ciao-px

Die Konstruktion ist denkbar einfach. Den Lenker verbindet man mit einer vertikal angeordneten Lenksäule, die Vorderräder sind an einer Achsschenkellenkung geführt. Besonders in Italien ist dieses „Porter“ genannte Transporter-Mofa äusserst beliebt.

Piaggio Ape in Italien
© Sergii Mostovyi – stock.adobe.com

Kein Wunder, wie bei seinen zweirädrigen Geschwistern, erfolgt der Antrieb über einen Keilriemen, der nicht nur leiser, sondern auch weniger anfällig und wartungsintensiv ist, wie der Kettenantrieb. Gerade die Vorzüge dieser Antriebstechnik sind es, die bei öffentlichen Auftraggebern gut ankommen.

keilriemen-original-piaggio-ciao-mono-935-mm

So nimmt es nicht Wunder, dass der Porter sehr oft bei Kommunen, insbesondere den Strassenreinigungen grossen Anklang findet. Und sehen wir nicht vor unserem geistigen Auge den Pizzaboten auf seinem Porter durch Rom, Florenz oder Neapel flitzen? So klein dieses Lasteneselchen auch sein mag, es gehört dennoch zu den ganz Grossen.

Die Piaggio Ciao lebt weiter

2006 heisst es, Abschied zu nehmen von diesem wunderbaren Töffli. Zumindest endet die Produktion dieses kultigen Italo-Klassikers nach nahezu 40 Jahren. Aber leidenschaftliche Töfflienthusiasten halten den Klut am Leben.

Vor allem bei Tuningfreunden ist das Modell sehr beliebt. Nicht zuletzt wegen seiner Antriebstechnik, Stichwort Keilriemenantrieb, seinem leichten Chassis und seiner Robustheit ist es für den Bereich Tuning perfekt geeignet. Ob es nun professionelle Tuner sind, die in ihrer Werkstatt das Töffli aufbrezeln, oder ob es Schrauber sind, der in der heimischen Garage „frisieren“, das Ciao ist ein perfektes Objekt für Tuning. So kommt es, dass man diesem Töffli noch lange Zeit auf den Strassen begegnen wird.


Beitragsbild: Piaggio Chopper